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Die Stadt von morgen hautnah erleben: Das Hansaviertel in Berlin

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Die Geburt der Bourgeoisie

Nordöstlich des weitläufigen und begrünten Tiergarten Berlins gelegen, waren die "Schöneberger Wiesen" (wie sie vor dem 19. Jahrhundert genannt wurden) ein unbebautes Auengebiet, das mit dem erstaunlich schnellen Wachstum der Stadt am Ende des 19. Jahrhunderts gleichzog. Von einer Stadt mit 220.000 Einwohnern im Jahr 1824 erreichte die Einwohnerzahl Berlins am Ende des Jahrhunderts 2,7 Millionen. Dies führte verständlicherweise zu einer enormen Welle des Wohnungsbaus, vor allem von Mehrfamilienhäusern und Mietskasernen, um der Wohnungsnot entgegenzuwirken. Doch neben diesen Arbeiterbezirken gab es auch Gebiete für die wohlhabenderen Bewohner der Stadt, insbesondere für die wachsende Mittelschicht. Neue Villenkolonien entstanden am Stadtrand, etwa in Grunewald und Dahlem, während näher am Zentrum größere, geräumigere, freistehende Wohnhäuser für die wachsende Bourgeoisie gebaut wurden. Nach der Reichsgründung 1874 begann die Berlin-Hamburger Immobilien-Gesellschaft mit der Erschließung des Gebietes der "Schöneberger Wiesen", das in Anlehnung an das im Mittelalter gegründete und in Hamburg ansässige Handelsnetz der Hanse als Hansaviertel bekannt wurde.

Das Hansaviertel: Prunkvoll im Zentrum leben

Unter denjenigen, die sich im Hansaviertel niederließen, waren Kaufleute, Bankiers und andere wohlhabende Bürger, aber auch Beamte und Künstler, die die Dachböden in Ateliers verwandelten. Entsprechend prachtvoll mussten auch die Gebäude selbst sein. Tatsächlich gehörten die Häuser, die hier zu dieser Zeit gebaut wurden, zu den prachtvollsten und aufwändigsten der sogenannten Gründerzeit. Mit monumentalen Neobarock- und Neorenaissance-Fassaden, Stilelementen wie Säulen, Gesimsen und Friesen und riesigen Neun-Zimmer-Wohnungen waren dies wahrhaft prunkvolle Wohnhäuser, die das Ansehen und die gesellschaftliche Stellung der Bewohner demonstrativ zur Schau stellten.

Umfassende Zerstörung im Zuge des Weltkriegs

Bedauerlicherweise wurde das Hansaviertel, wie so vieles in Berlin, im Zweiten Weltkrieg umfassend zerstört. Von den 343 Wohngebäuden in der Gegend haben nur 70 die Zerstörung weitgehend überstanden. Und auch sie wurden größtenteils beschädigt. Darüber hinaus wurden die großen bürgerlichen Wohnungen, die unbeschädigt blieben, jeweils in vier oder fünf kleinere Einheiten aufgeteilt, um den vielen Kriegsflüchtlingen und Obdachlosen Schutz zu bieten. Sogar die Bäume im nahe gelegenen Tiergarten wurden niedergebrannt, wobei die wenigen Bäume, die übrig geblieben waren, als Brennstoff verwendet wurden, um die Bevölkerung durch die folgenden eiskalten Winter zu bringen. Erst 1953 schrieb der Berliner Senat einen Architekturwettbewerb für den Wiederaufbau des Gebiets aus und erklärte es zum Mittelpunkt der Internationalen Bauausstellung Interbau.

Prachtvoller Gründerzeitbau

Internationale Bauausstellung Interbau

Die Architekturausstellung Interbau verstand sich als Reaktion des Westberliner Senats auf verschiedene Probleme der Stadt. Abgesehen von der Wohnungsnot und den verbliebenen Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg geriet der Wiederaufbau West-Berlins aufgrund der heiklen politischen Lage ins Stocken. Während der Wiederaufbau anderer Städte in Westdeutschland mit Hilfe von Geldern aus dem Marshallplan vorankam, geriet West-Berlin ins Hintertreffen. Die Lage im Gebiet der DDR führte dazu, dass die Stadt von ihren Lieferanten und Absatzmärkten abgeschnitten war, und wegen der unsicheren politischen Lage zogen viele Unternehmen West-Berlin in andere westdeutsche Städte. West-Berlin verlor sogar seinen Status als Hauptstadt an Bonn. Der Senat befürchtete eine wirtschaftliche, politische und kulturelle Marginalisierung der Stadt.

Das Hansaviertel als Herausforderung und Chance

Daneben war die Interbau auch als Antwort auf die ostdeutsche Regierung und ihr nationales Entwicklungsprogramm gedacht, in dessen Mittelpunkt sozialistische Wohnprojekte im Osten der Stadt standen. Im November 1951 veröffentlichte die DDR-Regierung einen Aufruf zum Wiederaufbau Berlins mit der Stalinallee als Mittelpunkt eines Wohnhochhausbezirks und als Modell für die Hauptstadt- Architektur und Stadtplanung. Der West-Berliner Senat sah das Hansaviertel als Chance, die Fähigkeiten und Philosophien des Westens zu präsentieren. In einer öffentlichen Erklärung zur Interbau erklärte der West-Berliner Bauminister Karl Mahler, die Interbau sei „ein klares Bekenntnis zur westlichen Welt. Sie soll zeigen, was wir unter modernem Städtebau und anständigem Wohnbau verstehen, im Gegensatz zum falschen Prunk der Stalinallee“.

Architektur als Ideologie

Zehngeschossige Plattenhochhäuser wurden als "Eingang" zu dem Gebiet errichtet und bildeten zwei "Erker", die sich zum Tiergarten hin öffneten. Die Bahngleise sind von Hochhäusern und niedrigeren linearen Gebäuden gesäumt. Ihnen gegenüber stehen acht- bis neungeschossige Plattenbauten, die von Walter Gropius, Pierre Vago, Alvar Aalto, Oskar Niemeyer und Egon Eiermann entworfen wurden. In der Mitte befindet sich der Hansaplatz mit einer lockeren Anordnung von Wohngebäuden im Westen und der katholischen Kirche St. Ansgar gegenüber.

St.-Ansgar-Kirche in der Klopstockstraße

Ein neues Viertel aus Stalbeton

Diese Kirche ist eine von mehreren brutalistischen Kirchen der Stadt. Ihre Interpretation der architektonischen Reduktion verleiht ihr mit ihren starken Linien und einfachen Formen ein etwas strenges Aussehen. Doch die vom Boden bis zur Decke reichenden Fenster empfangen und reflektieren viel Sonnenlicht, ein Symbol der Erhellung, während sich der stilisierte Kirchturm als Meisterwerk der Moderne versteht. In der Tat ist die gesamte Gegend voller Wunderwerke der Moderne, die den Ideen der Neuen Sachlichkeit entsprechen und von vielen Grünflächen durchbrochen werden. Ironischerweise wurde das Hansaviertel aus Stahlbeton errichtet, während die Stalinallee aus Ziegelstein gebaut wurde. Die Fassaden verzichteten auf aufwändige Verkleidungen und orientierten sich stattdessen an der Funktion der Gebäude, in Anlehnung an Le Corbusiers Maxime vom Haus als "Maschine zum Wohnen".

Das markante Gebäude an der Altonaer Straße 4-14 wurde von Oscar Niemeyer erbaut, der einen Entwurf mit großzügigen Grundrissen, Loggien und lichtdurchfluteten Räumen schuf. Das Gebäude ruht auf sieben Doppelstützen und erhält durch einen freistehenden Aufzugsturm ein einzigartiges Erscheinungsbild. Daneben wurden im so genannten Schwedenhaus zum ersten Mal Betonfertigteile verwendet, die vor Ort gegossen und mit einem Kran montiert wurden. Auch die Treppentürme waren freistehend, wodurch der sonst im Gebäudeinneren benötigte Platz eingespart wurde.

Oscar-Niemeyer-Haus an der Altonaer Straße
Haus Händelallee 59 von Wolf von Möllendorff und Sergius Ruegenberg

Im Gegensatz zu diesen Hochhäusern wirken die ein- und zweistöckigen Häuser, die im Rahmen der "Teppichbebauung" des Gebietes gebaut wurden, eher unterwältigend. Doch hier sahen die Stadtplaner die Chance, Einfamilienhäuser mit Hinterhöfen mitten in der Stadt zu errichten. Der Architekt, der sie entwarf, Eduard Ludwig, war von ihnen so beeindruckt, dass er selbst in eines der Häuser einzog.

Eine Kleinstadt in der Metropole

Dem eher dezentralen Aspekt der modernen Stadtplanung entsprechend, funktionierte das Hansaviertel wie eine Kleinstadt. Die Nordseite des Hansaplatzes wird von einem Einkaufszentrum und einem Kino begrenzt und das Gebiet verfügt über eine eigene Bibliothek und zwei Kirchen.

Ausblick

Ironischerweise ähnelten sich die Schicksale der Stalinallee und des Hansaviertels angesichts ihrer direkten ideologischen Gegensätze. Beide waren zu teuer, um als Modell für zukünftige Entwicklungen zu dienen. Und billiger Massenbau implizierte, dass neue Wohnsiedlungen in West- und Ostdeutschland am Ende sehr ähnlich aussehen würden.

Verfasst von:

Alex McKerrell

Der in London geborene Alex ist seit mittlerweile über einem Jahrzehnt Wahlberliner. Ob Sie sich für das beste indische Restaurant (Bahadur in Wilmersdorf, ohne Frage) oder die Geschichte des Nikolaiviertels interessieren: Alex können Sie immer fragen.

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