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Unsere Gewinnerin des Ziegert-Stipendiums 2021

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Wachstum in Kleinstädten fördern

Wie können Kleinstädte nachhaltiges Wachstum fördern und jüngere Generationen anziehen? Ziegert EverEstate hat diese zentrale Frage an Studierende, Absolvent:innen sowie Auszubildende gerichtet. Das digitale Arbeiten im Home Office eröffnet vielen Menschen die Möglichkeit sich den stetig steigenden Mieten und dem Platzmangel in den Großstädten zu entziehen. In umliegende Vororte oder kleinere Heimatstädte zurückziehen, wird zunehmend eine attraktive Alternative zu dicht bewohnten Innenstädten. Mit diesem Zustrom jüngerer Generationen wird ein nachhaltiges Wachstum kleinerer Städte und suburbaner Zentren unerlässlich.

Ziegert-Stipendium 2021

Vom 5. Juni bis 4. Oktober durften Bewerber:innen aus Deutschland, der Europäischen Union und dem Vereinigten Königreich wahlweise einen Essay oder eine Präsentation einreichen. Die Antworten konnten z. B. die Chancen und Herausforderungen im Zusammenhang mit energieeffizientem Hausbau und alternativen Baumaterialien, erschwinglichem Wohnraum und Neubau, nachhaltiger Infrastruktur, Gestaltung und Attraktivität des öffentlichen Raums oder sozialen Fragen beleuchten. Julias Beitrag „Ein Net(t)zwerk für die Kleinstadt“ hat nicht nur uns, sondern auch die Jury begeistert: „Der Beitrag von Julia Treichel überzeugt durch einen unkonventionellen Blick auf die Fragestellung und greift in authentischer Weise den Spirit auf, der speziell den Millennials zugeschrieben wird. Die Arbeit steht für kreativen Aufbruch, für die innovative Neuorganisation des alltäglichen Zusammenlebens und einen nachhaltigen Umgang mit materiellen und persönlichen Ressourcen" (Prof. Dr. Marcus Menzl, Leiter des Studiengangs Stadtplanung an der Technischen Hochschule Lübeck und Teil unserer Expertenjury).

Unsere glückliche Gewinnerin des Ziegert-Stipendiums 2021

Ziegert EverEstate: Was bedeutet Nachhaltigkeit für dich?

Julia Treichel: Meine Definition von Nachhaltigkeit geht grundsätzlich einher mit dem allgemein verbreiteten Verständnis: Um die Bedürfnisbefriedigung zukünftiger Generationen zu sichern, aber auch gleichwertige Lebensrealitäten aller zu verwirklichen, müssen wir bedacht mit den gegebenen Ressourcen umgehen. Dazu gehört im Kleinen wie Großen das stetige Abwägen und kritische Reflektieren darüber, welche Systeme und Handlungsweisen durch das Verhalten von uns als Individuen und in Kollektiven weitergetragen werden. Wir sollten uns öfter fragen: was kommt wo her, wer war beteiligt, wie wurde es produziert und wo geht es wieder hin?! Anstatt nur schnell, neu und besser zu wollen, sollten wir uns generell tiefergehend mit allen Dingen und Menschen auseinandersetzen, mit denen wir direkt oder indirekt in Kontakt kommen.

Wie sieht deine „Kleinstadt der Zukunft” aus?

Julia Treichel: In meiner Vision kämen die besten Aspekte beider Welten zusammen: die Verknüpfung von kleinstädtischen Potentialen und Atmosphären mit dem Angebot und der Diversität der Metropolen. Ich komme selbst aus einer Kleinstadt und wohne heute in der Großstadt. Ich schätze meinen Herkunftsort sehr, gleichzeitig könnte ich dort heute nicht mehr wohnen, weil mir gewisse Aspekte fehlen würden. Eine maßstäblich angemessene Förderung von Kulturangeboten, eine optimale, digitale Anbindung, gelungene Infrastrukturen, genauso wie Neu- und Umbauprojekte, die das bestehende Stadtbild und die Stadtstruktur ergänzen und weiterentwickeln, aber nicht generisch überformen – all das wäre wünschenswert. Ein weiteres wichtiges Stichwort ist der wechselseitige Austausch von Lebensstilen. Sicherlich können unterschiedliche Ansichten mitunter zu Reibungspunkten führen, aber dadurch entstehende Diskussionen bergen ja immer auch Potential.

Wie erreichen wir diese Vision?

Julia Treichel: Ich denke, Wettbewerbe sollten vermehrt Entwürfe fördern, denen es gelingt, die Atmosphäre und Bestandsspezifika vor Ort aufzuspüren und daran anknüpfend die Stadtentwicklung voranzutreiben, statt alles überall gleich zu designen. Mir fehlt in glattgebügelten Renderings oft der Mut zu Ecken und Kanten – zur Realität. Natürlich sieht es auf dem Papier gut aus, wenn alles sauber und schön ist, aber mit der tatsächlichen Stimmung vor Ort hat das oft nichts zu tun. Man kauft sich für die eigene Stadt ein Bild aus einem Katalog. Auch die vermehrte Partizipation der betroffenen Anwohnerinnen ist notwendig. Die Beteiligung kann auch eine Möglichkeit sein, um ein Denken zu etablieren, das weg geht von nur das Eigene besitzen und dieses abgrenzen hin zu gemeinschaftlich an lebenswerten Orten für alle arbeiten. So würde sich ein Austausch innerhalb der Nachbarschaft und womöglich sogar darüber hinaus etablieren.

Was gefährdet die Attraktivität von Kleinstädten?

Julia Treichel: Durch Anonymität, Einfalt und Bedeutungslosigkeit. Wo immer suburbane Gebiete nur als Anhängsel von oder an etwas gelten und auch so gelebt werden, können sie keinen eigenen Charakter entwickeln. Auf diese Weise entstehen Vorstadtsiedlungen, die zum Beispiel keine gemeinsamen Treffpunkte haben, sondern nur als Aneinanderreihung von Einfamilienhäusern fungieren, in denen sich die Individuen möglichst von einem gemeinschaftlichen Leben abgrenzen. Ebenfalls problematisch ist es, wenn der Einzelhandel in Kleinstädten ausstirbt: Ehemals etablierte, wichtige gesellschaftliche Strukturen verschwinden, weil sich Gewerbegebiete mit Einkaufszentren entwickeln, die alle Bedürfnisse an einem Ort abgreifen. Meiner Meinung nach ist Raum nicht nur bloße Fläche zum Konsum. Raum entsteht in gemeinschaftlichen Prozessen und dafür braucht es eine Auseinandersetzung der Bewohnerinnen untereinander, aber auch zwischen Mensch und Ort.

Welche Kleinstadt hat vorausschauend geplant?

Julia Treichel: Mir fällt ad hoc keine spezielle Kleinstadt ein, von der ich sagen würde, dort ist alles perfekt. Das heißt nicht, dass es nicht viele großartige Beispiele gibt. Was ich hier nennen kann, sind aber ein paar Projektansätze aus Planung und Design, die mich inspirieren oder die ich für gelungen halte. Ein Beispiel ist das Unternehmen MPreis aus Südtirol – eine Supermarktkette, bei der keine Filiale gleich aussieht, weil sie sich vor Ort an die Gegebenheiten anpassen und in der Gestaltung darauf reagieren. Außerdem faszinieren mich die Lehmbauten des Architekten Martin Rauch, der den hierzulande eher ungewöhnlichen, aber ökologisch wertvollen Baustoff beindruckend handhabt. Er gesteht seinen Gebäuden eine permanente Wandelbarkeit durch zum Beispiel Erosion oder Abnutzung zu, anstatt für die Ewigkeit bauen zu wollen. Vielen ein Begriff ist sicherlich auch das norwegische Büro Snøhetta, das ganz viele tolle Architekturen, Räume und Produkte entwickelt. Allesamt verfolgen den Anspruch, nicht nur ökologisch möglichst wenig Negativauswirkung zu haben, sondern gar eine positive Bilanz zu erreichen; und das immer ganz behutsam im Dialog mit der Umwelt.

Wohin führt dich dein Studium beruflich?

Julia Treichel: Ich habe vor einigen Wochen meinen Abschluss gemacht und beginne nun erst einmal im Landschaftsarchitekturbüro Valentien+Valentien. Hier erwartet mich klassische Freiraumgestaltung in einem motivierten Team und die Seniorchefs haben unglaublich viel Expertise und kluge Herangehensweisen. Nebenbei sinniere ich mit Studienkolleginnen und fachübergreifend Interessierten in einem offenen Kollektiv zu Raumfragen, die über den manchmal pragmatischen Büroalltag hinausgehen. Als LAPensilina haben wir derzeit vor allem noch utopische Träumereien, die aber vielleicht irgendwann in reelle Projekte übersetzt werden können.

Danke an alle Bewerber:innen

An dieser Stelle bedanken wir uns bei allen Teilnehmer:innen für die Einsendung zahlreicher kreativer und inspirierender Essays und Präsentationen! Nun sind Stadtentwickler sowie Planer gefragt, den Energie- und Ressourcenverbrauch zu senken, vorhandene Flächen effizient zu nutzen oder eine verlässliche Infrastruktur zu entwickeln - und das bei hoher Lebensqualität und attraktiven Räumen für Stadtbewohner:innen. Wir sind überzeugt, dass Julias Konzept dazu einen wichtigen Teil beiträgt und sind gespannt auf die nachhaltige Entwicklung vieler Kleinstädte. #ZEEScholarship

Verfasst von:

Annika Kiesewetter

Annika gehört seit fast fünf Jahren zum erfahrenen Autorenteam von Ziegert EverEstate. Mit ihrem feinen Gespür für Themen rund um Immobilien, Architektur, Kunst und Kultur informiert sie Leser aufschlussreich.

Immowelt-Partner EVERESTATE GmbH

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